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Humanist vielleicht und vielleicht liberal; Menschenfreund im Allgemeinen; reflektierend; angeborener Gerechtigkeitssinn

Montag, 25. Juni 2012

Mursi neuer Präsident Ägyptens

Endlich, DER Schritt zur Demokratisierung Ägyptens ist vollbracht!

Die ARD zeigt weinende, bärtige Männer, die auf dem Tahrirplatz über den Wahlsieg jubeln. Viele bärtige Männer. Und eine Frau wird interviewt, die neben dem selbstverständlichen schwarzen Gewand und Kopftuch auch schwarze Handschuhe trägt. Sie freut sich in die Kamera über den ersten islamischen Präsidenten, der, nach ihren Worten, so gut zu den Armen sein wird! Der ARD-Korrespondent schwafelt von Demokratisierung und blablabla.


Interessanterweise thematisiert kaum ein deutsches/ europäisches Medium das Aussehen von Mursis Anhängern. Hm. Der Durchschnittsdeutsche weiß das natürlich nicht einzuordnen und über alles, was die ARD berichtet ist kontextentfremdetes Demokratiegeschwafel. Nicht ohne Grund hegen viele nicht konservativ-sunnitische Ägypter Mißtrauen gegen einen religiösen Präsidenten. Die ARD berichtet, wie er dieses (vor seiner Wahl wohlgemerkt!) "zerstreuen" wollte, aber über das wahrscheinlichste Szenario berichtet sie nicht. Seine Amtszeit liegt noch vor Mursi und nur ein extrem politisch Blauäugiger wird glauben, daß ein Präsident der (sunnitisch konservativen) Muslimbrüder sich für (religiöse und ethnische) Minderheiten- und für Frauenrechte einsetzen wird. Doch ist der (in dieser Region) politisch Blauäugige leider der typische westliche Beobachter. Zum Glück gibt es noch den Militärrat, der die Zügel in der Hand hält. Hoffentlich wird er das noch lange tun. Mursi spricht von der "Freiheit des Glaubens", wenn er dies ernst meint, dann wäre es einer politisch-islamischen Revolution gleichzusetzen. Freiheit im (konservativ ausgelegten sunnitischen) Islam? Fast das auch die Freiheit der Religionswahl ein? Die Freiheit der Ehepartnerwahl? Die Freiheit des Kleidungsstils von Männern, aber besonders von Frauen? Man kann das Tragen eines Kopftuches nicht vorschreiben? Seit wann denn das? Iran, Saudi-Arabien, etc....

Was bedeutet ein konservativ sunnitischer Präisdent für Ägypten? Weniger Einmischung verkündet er. Eine Belastung der amerikanisch-ägyptischen, ägyptisch-europäischen und ägyptisch-israelischen Beziehungen. Eine Verschlechterung der ägyptischen Menschenrechtslage. Und wahrscheinlich eine Stärkung zu ähnlich sunnitisch-konservativ gelenkten Staaten und Strömungen. Oh, ich sehe sehr dunkle Wolken am Horizont aufziehen...Die Blauäugigen werden noch ihr blaues Wunder erleben...

Auf die schwarze Zukunft Ägyptens! (Aber hoffentlich gibt es einen Militärputsch!)

Nachtrag am Vormittag des 25. Juni: Kurz nachdem ich diese Zeilen geschrieben habe, geistern eine Schlagzeile durch die Medien, die viele Länder im Nahen Osten (allen voran Israel, aber auch Saudi-Arabien und die kleinen Golfemirate) unruhig machen sollte: Mursi sucht enge Kontakte zum Iran. Was habe ich wenige Zeilen weiter oben geschrieben? Die USA und gar Israel beglückwünschen die Ägypter zu den demokratischen Errungenschaften. Nun, beide werden noch ein unangenehmes Erwachen haben. Die USA allein deshalb, weil die neu entstehende Demokratien im Nahen Osten den Einfluß Tehrans, des amerikanischen und israelischen Erzfeinds, erheblich stärken (Irak, nun auch in Ägypten, dem mit Abstand bevölkerungsreichsten arabischen Land). Enge politische Kontakte zwischen 85 Millionen Ägyptern und 80 Millionen Iranern und dazwischen Israel mit nicht mehr als 5% der Bevölkerung davon. Den israelischen Entscheidungsträgern dürfte es Angst und Bange werden bei einer solchen sich abzeichnenden Politikoption. Nicht umsonst hat die Hamas den Wahlsieg Mursis bejubelt, der (nicht blauäugige) Standard merkt zögerlich an, daß die Moslembrüder ein eher grundsätzliches Problem mit Israel besitzen. Wenn es ihnen nun gelingen sollte, letztendlich die Macht im Staat an sich zu reißen, dann dürfte dies für Israel ein überaus alptraumhaftes Erwachen geben, denn daß eine politsch-islamische Strömung in Ägypten mit ihrer Schwesterströmung im Gazastreifen nicht kooperiert und sie nicht aktiv (mit jeder Art von Ressourcen einschließlich Waffen) unterstützt (diese den historischen Tag entsprechend ihrereseits zelebriert) ist extrem unwahrscheinlich. Womöglich könnte das mittelfristg gar zu einer Destabilisierung des Westjordanlandes führen, da die religiöse Hamas dem neuen äyptischen Präsidenten erheblich näher steht (und daher mehr Unterstützung finden wird) als das die säkulare PLO je erfahren würde (falls dem neuen ägyptischen Machthaber etwas am Export des neuen ägyptischen Modells gelegen ist, wovon auszugehen ist). Wie es auch ausgeht, Israel dürfte nun sehr nervös werden. Außerdem dürften sich die ggf. existierenden Pläne/ Optionen für einen israelischen Angriff auf den Iran schlagartig erheblich verändert haben, da nun, sollte es zu einer politischen Verständigung zwischen den beiden regionalen Giganten kommen, die grundsätzlich israelkritischen Moslembrüder mit ihrem Potential zur Massenmobilisierung das Spielfeld betreten. Israelische Angriffe jenseits seiner Landesgrenzen, sei es in Gaza oder im Iran, dürften erhebliches Potential einer Eskalierung der Lage in sich tragen. Der Hamas stehen goldene Zeiten bevor!

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